Leseproben

Leseprobe „Das kalte Blut“, Auszug aus Kapitel 3:

 

Qwotilia erinnerte sich an die Hoffnungen ihres Bruders. Auf die Möglichkeit, ihre Mutter doch noch retten zu können. Sie sah der Hexe, die ihr und Frisilian zu Füßen lag, in das blaue Gesicht. Die Fratze war durchzogen von schlecht verheilten Narben und getrocknetem Blut. Vielleicht könnte das auch jemand von uns sein. Wenn Kratalia oder auch ich entführt worden wären, könnten auch wir dort liegen – zerhackt und verstümmelt von Männern, die einmal unsere Väter, Brüder oder Söhne waren.

So sehr sich Qwotilia bemühte, der gespenstischen Fratze etwas Menschliches abzugewinnen – es gelang ihr nicht. Ihr Blick wanderte auf die schweren Bluttropfen, die Frisilians Wunde verließen und auf den staubigen Boden der Lagerhalle fielen. Der trockene Stein nahm den Tropfen gierig auf. Das hinab träufelnde Blut des Burschen verschwand im Nichts. »Blutzauber«, murmelte Qwotilia von nackter Angst ergriffen. Ihre Worte jedoch waren zu leise und drangen nicht bis zu ihren Freunden vor.

Mit schaudernder Ahnung sah sie auf den vor ihr liegenden toten Körper. Ein kalter Hauch fesselte das Mädchen und raubte ihr die Luft, als das Undenkbare geschah. Die anderen konnten nicht erkennen, dass sich die weißen Augen des Dämons öffneten. »Wir müssen hier weg.«

»Was ist denn los?«, wollte Tralian wissen, als er die furchtsame Bleiche in Qwotilias Gesicht bemerkte. Das Mädchen musste dem Burschen nicht antworten. Tralian sah die weit offen stehenden Augen der so leblos anmutenden Gestalt. Ihm gelang ein furchtsamer Schritt zurück, bevor der eisige Tod seine Hände nach ihm ausstreckte und sich nach Tralians kaltem Blut verzehrte.

 

 

Leseprobe „Das kalte Blut“, Auszug aus Kapitel 7:

 

Noch immer hielt Qwotilia die Hand ihres Bruders, der schwer atmend und vor Schmerz schwitzend neben ihr lag. Beide wussten, dass der rechte Augenblick verpasst war, um ihre Reise abzubrechen und in das sichere Haus ihres Großvaters nach Miqilios zurückzukehren. Qwotilia jedoch weigerte sich vorzustellen, nie wieder vor dem wärmenden Feuer in der Küche zu sitzen, den Geschichten ihres Großvaters zu lauschen oder gar der lästigen Arbeit in den Ställen zu frönen.

Tralian führte sein Schwert mit beiden Händen, die unbeherrscht zitterten. Kalter Schweiß lief über die noch immer frischen Narben, die seine Stirn durchzogen. Die unerwartete Stille schauderte ihn mehr als das tobende Krächzen der Berggreife. Sich durch den Tunnel schleppende Schritten hielten den furchtsamen Jungen zurück. Das noch junge Morgenlicht warf einen langen Schatten durch den schmalen Gang in die Höhle. »Da ist jemand«, flüsterte er.

»Die Berggreife«, vermutete Qwotilia. »Komm' schnell wieder zurück.«

Tralian schüttelte den Kopf. »Nein, es sieht aus wie der Schatten eines Mannes.«

Ein Hoffnungsschimmer legte sich auf Qwotilias zweifelndes Gesicht. »Vielleicht sucht jemand nach uns.«

»Wer soll uns hier oben schon suchen?«, zweifelte selbst Ksilian.

Der Schatten kam näher und näher, bis sich die in nachtschwarzem Leder gehüllte Gestalt schließlich in der Höhle offenbarte. Der flackernde Schatten des Lagerfeuers tanzte auf seiner blauen, mit tiefen Narben zerfurchten Haut. Strähnen des schwarzen, filzigen Haares hingen vor seinem kalten Gesicht.

Buch bestellen? HIER KLICKEN!

Leseprobe „Die Schatten der vier Höllen", Auszug aus Kapitel 3:

 

»Man sagt, du hättest deinen Glauben verloren«, traute sich Watin Immerlein. »Man sagt, dass der Hohe Vater dich mit dem Studium der Einhörner gestraft hat, um deinen Geist zu wecken.«

»Und wo ist nun deine Frage?«

Der Bursche zögerte. »Haben sie in dich hineingesehen? Man sagt, dass der, den die Einhörner sehen, von ihnen auserwählt wurde.«

»Für was denn auserwählt?«, wollte Lithan Nachtwald wissen. »Rede doch nicht immer so einen Unsinn daher.«

Der Junge jedoch ließ sich nicht mundtot machen. »Haben sie nun in dich hineingesehen oder nicht?«

»Ich hatte einige sehr merkwürdige Träume«, erinnerte sich Lithan. »Aber die können sonst woher kommen.«

Auch Bjans Neugier war geweckt. »Was für Träume waren es? Kannst du dich noch an sie erinnern?«

Der junge Herr Nachtwald seufzte, während die finsteren Schatten unerfüllter Gelegenheiten zu ihm zurück fanden. »Leider nur zu gut.«

»Nun erzähl schon«, bettelte Immerlein aufregt.

»Ihr rennt doch sofort zum Klostervater.«

»Wir könnten es dir schwören«, versprach Immerlein und sah nach Zuspruch suchend zu seinem Freund. Bjan Flussknecht zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Von mir aus.«

»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte Lithan. »Wenn ihr mir versprecht, alles für euch zu behalten und niemanden davon zu berichten, was ich euch erzähle, soll mir das reichen.«

»Wir versprechen es«, rief Watin ganz aufgelöst.

»Es waren Träume von Erinnerungen«, begann Lithan. »Augenblicke in meinem Leben, an die ich mich in jedem wachen Moment erinnern könnte. Aber diese waren anders. Es war beinahe so, als hätte man mich zurückgebracht, um gewisse Entscheidungen, die ich traf, rückgängig zu machen und mir die Gelegenheit zu geben, mein Leben selbst zu bestimmen.«

Ehrfürchtig senkte Watin das Haupt. »Sie haben tatsächlich in dich hinein gesehen.«

»Sei nicht töricht«, spottete Bjan. »Wenn überhaupt, dann haben sie ihm den Spiegel seines Lebens vor die Nase gehalten … und ihn zerbrochen.«

Watin sah gebannt zu Lithan hinüber. »Und weiter?«

»Nun ja«, fuhr dieser fort und sah grimmig zu Flussknecht hinüber. »Der Spiegel war zerbrochen und ich habe mich an seinen Scherben geschnitten.«

»Was ist denn das für eine Antwort?«, ärgerte sich Watin, während Flussknecht verstand und grinste.

»Denke einfach eine Weile darüber nach«, lächelte Lithan. »Dann werden wir hier vielleicht auch irgendwann fertig.«

Die drei Klosterbrüder fuhren mit ihrer Arbeit fort. Lithan harkte das Laub zu einem kniehohen Haufen zusammen und hoffte, dass kein Windzug anrücken und seine Arbeit zu Nichte machen würde. Er bemerkte, dass Bjan sich unruhig umsah und angespannt zur äußeren Klostermauer hinüber blickte. »Ist alles in Ordnung?«

»Ich weiß nicht recht«, flüsterte Bjan. »Ich glaube, ich habe etwas gehört.«

»Und was?«

Ein lauter Schrei hallte durch die Gärten. Von zwei Pfeilen durchbohrt fiel einer der wachhabenden Krieger, die Hauptmann Eisenfels nach seinem Abzug im Kloster zurückließ, von dem schmalen Wehrgang der Klostermauer.

»Ist er tot?«, wollte der bleiche Watin wissen, während Lithan befürchtete, in das blinde Sperrfeuer kardischer Schergen zu geraten.

Das Genick des armen Burschen war durch den Sturz gebrochen. Ein Pfeil durchbohrte seinen Hals, ein weiterer steckte in seiner Brust. Die Augen standen offen. »Leben tut er jedenfalls nicht mehr«, antwortete Lithan. Weitere Pfeile zischten über die Mauern hinweg. »Wir müssen hier weg, sofort.«

Immerlein sah sich angstvoll um. »Was ist denn nur los?«

»Hörst du nicht«, fauchte Bjan und packte den Arm seines Freundes. »Wir müssen hier weg.«

 

 

Leseprobe „Die Schatten der vier Höllen", Auszug aus Kapitel 7:

 

»Dem jungen Bruder Lithan ist eine ganz besondere Ehre zu Teil geworden«, grinste Klostervater Yuthian Silberberg und nippte am Wein. »Er wurde für das Studium unserer göttlichen Gäste auserwählt, die seit einigen Tagen unsere bescheidenen Höfe bewohnen und uns mit ihrer heiligen Anwesenheit beehren.«

»Tatsächlich«, erwiderte der grinsende Lindenschild. Auch er probierte vom roten Tropfen. »Ich hatte Euch nicht für ein derart leuchtendes Vorbild an Frömmigkeit und Ehrgeiz gehalten.«

»In diesem Fall befindet Ihr Euch in guter Gesellschaft, werter Herr Soldat«, sprach Beetha Nachtwald und hob ihren Kelch. »Auf meinen Sohn. Mögen die Jahre des Gotteslästerers vorbei sein und das Zeitalter von Lithan den Frommen beginnen.«

»Hört, hört«, meinte Yuthian, während die Gesellschaft die Kelche hob und anstieß. Kathan hielt den Zinnbecher in beiden Händen und leerte diesen in wenigen Zügen. Der Junge hatte einiges an Übung und die schweigende Beetha Nachtwald ließ ihn gewähren.

Lithan sah seinen jungen Bruder missbilligend an, doch dieser verzog nur gleichgültig das Gesicht. Lindenschild riss Nachtwald aus dessen sorgenvollen Gedanken. »Habt Ihr während Eurer Studien irgendwas aufregendes erfahren, von dem Ihr berichten möchtet?«

»Nun ja«, begann Lithan. »Ich habe tatsächlich viele Stunden vor sehr vielen Büchern verbracht und über die vielen Worte nachgedacht, die so viele weise Männer zu Papier brachten. All die Mühen und all die Arbeit, die all diese Schriftführer auf sich nahmen, und doch war alles vergebens.«

Beetha und Yuthian kämpften darum, wer grimmigere Blicke über den Tisch hinüber werfen konnte, während Nathian ehrlich neugierig schien. »Wie darf ich das verstehen?«

Lithan zuckte mit den Schultern. Er beugte sich über den Tisch und riss eine kräftige Keule von dem dampfenden Vogel. »Ich habe so viel von diesen Wesen gelernt, in dem ich einfach Zeit mit ihnen verbrachte«, erklärte er sich. »Seht Ihr, all das, was diese weisen Männer im Auftrag der Hohen Geistlichkeit aufschrieben, ist nicht mehr als die sich stetig wiederholende, trockene Geschichte, die sich die einfältigen Männer Gottes seit Jahrhunderten erzählen. Wenn ich in die tiefen Augen dieser Wesen blicke, erkenne ich nichts von dem, was Ethistan Steinwert, Jathian Grauschwind oder auch Olithian Nachtstein in ihren Werken beschrieben.«

Während Lindenschild tatsächlich zu verstehen versuchte, hielt Beetha ihren Unmut nicht länger zurück. »Du wagst zu behaupten, «Der Pfad Gottes und das Labyrinth der Elemente» oder «Die Lüge der Schöpfung» gelesen zu haben, und dich derart abfällig zu äußern? Diese Männer waren Giganten der Literatur, Herrscher des geschrieben Wortes. Keiner von ihnen hat es verdient, derart von einem einfältigen Ketzer beleidigt zu werden.«

Lithan zog mit den Zähnen die knusprige Haut von der Keule und genoss jeden Bissen, bevor er mit einem Tischtuch über seine fettigen Lippen wischte. »Ich glaube nicht, dass einer dieser Giganten zu der gleichen Schlussfolgerung kommen würde, Mutter.«

»Welche Schlussfolgerung soll das bitte sein?«, fragte Erzvater Silberberg, während die Dienerschaft seinen Teller befüllte.

»Dass die eigene Meinung und der eigene Wille irgendwas mit Ketzerei zu tun hätten«, antwortete Lithan und schenkte sich etwas Wasser nach. »Ethistan Steinwald war seiner Zeit um Jahrzehnte, vielleicht sogar um Jahrhunderte voraus. Heute nehmen alle seine Worte und Erkenntnisse als gegeben hin. Steinwald jedoch litt unter den Entbehrungen, die das Leben als Geächteter mich sich brachte und die ihm von der Geistlichkeit aufgezwungen wurden«, er sah seiner Mutter tief in die dunkelgrünen Augen. »Wusstest du, dass er kurz nach seinem dreiundvierzigsten Namenstag in seinem Exil in einer kleinen Hütte auf Ansul Narran verstarb?«

»Wusstest du, dass das Dorf Narril einer der meistbesuchten Pilgerstätten ist?«, warf Kathan zurück.

»Du weißt sehr viel, kleiner Bruder«, musste Lithan neidlos anerkennen. Er hörte den Jungen sprechen und vernahm die kalte Stimme seiner Mutter. »Allerdings wünschte ich, du würdest nicht nur die Worte aus den Büchern auswendig lernen, die Mutter dir vorsetzt, sondern auch deren Bedeutung erkennen und den Mut haben, das Gegebene auch einmal zu hinterfragen.«

»Erzähle du nicht die Mär von Mut, guter Lithan«, fauchte Beetha über den Tisch und zog die entsetzten Blicke der Gäste auf sich. »Würdest du die Tapferkeit besitzen, die du selbst nur aus Büchern kennst, würden wir hier nicht sitzen. Du hättest dich nicht feige dem Willen der Familie gebeugt und wärst besser still und leise in der Dunkelheit verschwunden.«

Buch bestellen? HIER KLICKEN!

ALLE BÜCHER AB JANUAR 2019 WIEDER VERFÜGBAR!!!

-----

Letztes Update: 06.12.2018

-----

News jetzt immer im Blog. Dort können Sie alle Einträge kommentieren oder Ihr Feedback hinterlassen.

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Söhne und Töchter des Feuers